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Auszüge

NATIONALSOZIALISMUS
 

Die ersten beiden Drittel des 19. Jh. ernährten die Landbevölkerung eher schlecht als Recht. Viele Auswanderungen waren die Folge. Nach dem gewonnen Krieg gegen Frankreich 1870/71 florierte die Wirtschaft aufgrund französischer Reperationszahlungen und vereinheitlichter Rahmenbedingungen im neugegründeten Deutschen Reich. Das wachsende Selbstbewusstsein mündete unter Kaiser Wilhelm II. in den Ersten Weltkrieg. Die Deutschen hatten sich ihre positive Lage verspielt. In den 20er Jahren erschwerte eine große Arbeitslosigkeit und Inflation das Leben. „Rote“ rivalisierten sich in dieser Zeit mit den Bürgerlichen. 1933 kam die „Rettung“. Adolf Hitler brachte dem breiten Volk wieder bessere Lebensbedingungen. Das man sich auf einen unendlich tiefen Abgrund zubewegte, merkte der Großteil der Menschen nicht. Benachrichtigungen von gefallenen jungen Männern waren die ersten Hiobsbotschaften. 1945 kam ein Todesmarsch von KZ-Häftlingen durch das Schmalkaldetal. Ebenso fanden in diesem Jahr zahlreiche Denunziationen statt. Es taten sich Gräben auf, die sich Jahrzehnte nicht schlossen. Erst die jüngere Generation ist von dieser Geschichte unberührt. Wie etablierte sich der Nationalsozialismus in unseren Orten? Ein paar Ereignisse dieser Zeit seien berichtet:
Die Wahl zur Gemeindevertretung und für den Kreistag fand am 12.3.1933 statt. Das untermauern auch Mitteilungen, die in den Wochen um die Wahl an das Bürgermeisteramt Haindorf versandt wurden. Am 26.2.1933 wurde die KPD der Schmierpropaganda an Mauern und Zäunen bezichtigt und am 3.3.1933 wurde dem Bürgermeister mitgeteilt, dass die SPD bei den nächsten Möglichkeiten Wahlsabotage betreibe wolle, indem sie dem Wahlvorstand fernbliebe und die Wählerverzeichnisse beseitige. Am 14.3.1933 erging aus Berlin dennoch die Erlaubnis im Deutschen Reich Wahlplakate von SPD und KPD anzubringen.
Zur Gemeindewahl traten zwei Listen an. Wahlvorschlag I mit dem Kennwort „Bürgerliche Arbeitergemeinschaft“ und Wahlvorschlag II mit dem Kennwort „Arbeitervereinigung“. Die Wahl fand im Gasthaus „Zur Linde“ in zwei getrennten Räumen zwischen 10 und 17 Uhr statt. Wahlvorsteher war Bürgermeister Emil Danz, dessen Stellvertreter der Schöffe Theodor Danz III.
218 gültige Stimmen wurden abgegeben (1 ungültige), was bei 236 Wahlberechtigten eine Wahlbeteiligung von 92,8 Prozent ergab. Festgestellt wurde das Ergebnis am Tag darauf (13.3.1933) um 8 Uhr im Bürgermeisterzimmer. Protokollführer war Lehrer Anding.

Wahlergebnis Gemeindewahl 12.3.1933

Liste I
Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft
140 Stimmen
6 Sitze

Liste II
Arbeitervereinigung
78 Stimmen
3 Sitze

Gewählte: Emil Danz, Gustav Amborn, Wilhelm Peter, Willi Eberhardt, Albert Dellith, Hermann Keibe, Gustav Engelhardt, Theodor Danz IV, Hugo Eberhardt.

Ein Haindorfer Bürger konnte seine Freude über den Wahlsieg der Bürgerlichen Arbeitervereinigung nicht zurückhalten und schrieb seine Gedanken am 13.3.1933 überschwänglich auf ein kariertes A4-Blatt, das die Zeiten überlebte und noch heute im Schmalkalder Stadt- und Kreisarchiv einzusehen ist. Als Grund für den Wahlsieg sah der Verfasser Gottes Segen und wetterte heftig gegen die linksorientierten Personen in der Gemeinde. Die Verse lassen die braune Gesinnung des Autors erkennen. Just an dem Tag nach der Gemeindewahl, am 13.3.1933, wurde Joseph Goebbels Chef des neuen Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Außerdem wurden Sozialdemokraten und Kommunisten bei Entstehung unten stehender Zeilen bereits unterdrückt, verfolgt und es dauerte nur noch wenige Wochen bis zur Ermordung der ersten sozialdemokratischen Parlamentarier. Am 21.3.1933 wurde im Reichtag das Ermächtigungsgesetz nur gegen die Stimmen der SPD angenommen (KPD-Abgeordnete waren bereits geflohen, in Schutzhaft genommen oder in den Untergrund abgetaucht). Hitlers Regierung konnte jetzt Gesetze – auch verfassungsändernden Inhalts – ohne Reichstag erlassen und ihr Schreckensregime aufbauen. Sieht man das „Gedicht“ vor diesem historischen Hintergrund, zeugt es von dem nationalsozialistischen Geist, der eben nicht nur fern in der Reichshauptstadt Berlin wirkte, sondern auch im Lokalen. Der unbekannte Autor hatte nur wenig Kenntnis in Rechtschreibung und Grammatik, überhöht inhaltlich die Bedeutung der Wahl der Gemeindevertretung und zeichnete ein Bild des Gemeindelebens, dass eher von politischer Propaganda und Intoleranz geprägt war, als von Gemeinschaftssinn. Das „Gedicht“ ist folgend vollständig abgedruckt (unter Beseitigung der Rechtschreibfehler).

Anlässlich des großen Wahlsieges
der Liste 1
Gewidmet von einem Mitbürger.
„Haindorf ist erwacht!“
Es hat am 12. März 1933 über Haindorf Gottesengel gewacht, und die Bürger wieder in Mehrzahl zur Besinnung gebracht.
Wir behalten nun unseren alten Bürgermeister und sind damit bewachet vor den roten Geistern.
Gott hat bewachet von Seele und Leib unserer Gemeinde vor einem roten Bürgermeister und Namen _ _ _ _ !
Es wurde gerungen und dafür gekämpft, dass Moskaus Geist ist niedergedämpft.
Groß war das Gebrüll und der Gegner Hohn, sie glaubten zu sitzen auf dem Pferde schon.
Nun aber sind sie zu Schande gemacht was keiner von ihnen hätte vorher gedacht.
Treu haben die Bürger zusammengehalten und gaben die Ehre den Bewährten und Alten.
Wir wollen in Zukunft nun beisammen stehen, damit es der Gemeinde, möge bald noch besser ergehen.
Die Andern, die nun noch zur Seite wollen stehn, und glaubten sie könnten nicht mit uns gehen, last die es erleben und selbst einsehen, es wird auch ganz gut doch ohne sie gehen.
Gott gebe seinen Segen, zur Gesundheit unsers Bürgermeisters Danz, er ist uns der Beste und wir wissen er kann’s.
Die Sozis und Komu sind für immer nun gerichtet, denn ihre Reihen haben gewaltig sich gelichtet.Von Gott kam der Segen zur Gestrigen Wahl, darum wurde uns zu Teil Einhundertvierzig diese stattliche Zahl.


---> Mehr dazu in der Chronik.




 

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