CHRISTIAN VON MASSENBACH
Christian von Massenbach - Jugendfreund Schillers


Hätte er länger in Schmalkalden gelebt als nur seine Säuglings- und Kleinkindzeit, gelte er wohl als einer der größten Söhne der Stadt: Christian von Massenbach, preußischer Oberst im Kampf gegen Napoleon, Militärschriftsteller und Jugendfreund Schillers. Vor 250 Jahren, am 16. Juni 1758, wurde er in der Stadtkirche St. Georg getauft.

SCHMALKALDEN – Zwei Monate vor seiner Taufe, es ist der 16. April 1758, erblickte er als Sohn des Oberforstmeisters und Offiziers Georg Wilhelm Massenbach in Schmalkalden das Licht der Welt. Es sind politisch und familiär turbulente Zeiten: Der Vater gehört seit dem 20. Lebensjahr der Armee des Landgrafen von Hessen-Kassel an und lebt seit 1750 in Schmalkalden. Doch seine eigentliche Aufgabe als Oberforstmeister kann er kaum gerecht werden, denn als Hauptmann ist er im Siebenjährigen Krieg gefordert. 1757 erhält er den Befehl, die hessischen Militärverbände in Schmalkalden vor dem Anmarsch der französischen Armee zu schützen. Erfolgreich leitet er die fremden Truppen an der Stadt vorbei durch den Thüringer Wald. Schließlich gerät er in österreichische Gefangenschaft und tritt in Wien in die Dienste des Kaisers. 1761 erhält er die Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat. Jedoch darf er Schmalkalden nicht wieder betreten und verliert 1763 seine hessische Anstellung.

Bis dahin wohnte die adlige Familie von Massenbach am Schlossberg. In den alten Gemäuern der Wilhelmsburg und in den umliegenden Wäldern findet der junge Christian seine Spielplätze. Unterrichtet wird er in Schmalkalden nicht, doch teilt er in unveröffentlichten Teilen seiner Memoiren mit, dass ihn hier bereits der Sinn für die Geschichte der Reichsritter, des deutschen Protestantismus und des Schmalkaldischen Bundes auftat. Die Wilhelmsburg nennt er „das von Gespenstern bewohnte Schmalkalder Schloß“ und teilt mit, dass vor allem die alte Kanzlei am Schlossberg einen starken Eindruck in seiner kindlichen Seele hinterließ. Von den Schulden, die der Vater durch missglückte militärische Operationen sammelt, ahnt der Junge nichts. Der heitere und unbeschwerte erste Lebensabschnitt endet schließlich mit dem Wegzug aus Schmalkalden im Jahr 1763.

Die Familie zieht mit dem fünfjährigen Christian und dessen Geschwistern auf das Stammgut Massenbach bei Heilbronn. Seit 1771 besucht Christian die neu errichtete württembergische Eliteschule auf dem Schloss Solitude bei Stuttgart. „Da wurden wir in den militärischen Rock eingekleidet und auf einem militärischen Zuschnitt erzogen. Es ging da alles, so zu sagen, nach der Trommel.“, erinnert er sich in seinen Memoiren.

Sein bekanntester Mitschüler ist Friedrich Schiller. Zu ihm findet er auch nach der Schulzeit noch Kontakt. 1790 schreibt er ihm einen längeren Brief. Darinnen heißt es anerkennend: „Indessen bin ich in Gedanken oft bei Ihnen gewesen, und Ihr Genius muß Ihnen tausend mal gesagt haben, welchen vertrauten Umgang ich mit Ihnen gepflogen habe. Denn so oft ein neues Werk von Ihnen erschien; war ich wie der Blitz dahinter her, und zündete das Oel-lämpchen meines Geistes an dem Feuer-Meer des Ihrigen wieder an.“ Schiller besuchte seinen ehemalige Schulkameraden 1804 anlässlich seiner Reise nach Berlin in Potsdam und übernachtet in dessen Haus. Für den 17. Mai notiert der Dichter: „Abends in der Comödie Fanchon. Nachts bei Maßenbach“. Sicherlich erinnern sich die Schulfreunde ihrer gemeinsam durchstandenen Zeit.

Doch bereits ein Jahr später ist Schiller tot und auch für Massenbach soll sich das Blatt seines bisher geglückten Lebens herb wenden. Bis 1806 macht er geradezu eine Bilderbuchkarriere: Nachdem er seit 1778 Offizier in der württembergischen Garde gewesen war, trat er 1782 in das Gefolge Friedrichs des Großen ein und ging 1786 zum preußischen Generalquartiermeisterstab. Außerdem verfasste er zahlreiche mathematische und militärische Werke, die seinen Ruf als künftigen Führungsoffizier festigten. Er war weiterhin Lehrer an der Potsdamer Akademie für Militäringenieure und Mitarbeiter literarischer Projekte. 1791 wurde er zum Major und Flügeladjutanten des Preußischen Königs ernannt. In dieser Funktion setzte er sich intensiv für Reformen auf dem Gebiet der preußischen Außen- und Finanzpolitik, der Aus- und Weiterbildung von Offizieren und der Weiterentwicklung der Kartographie ein. 1802 begründete er mit Scharnhorst die „Militärische Gesellschaft zu Berlin“, durch die Weiterbildung der Stabsoffiziere vorangebracht werden sollte. Sein Einsatz war vielseitig und umfassend. In einer Zeit des Untertanenseins zeigte er zu viel Engagement, was ihn noch auf die Füße fallen sollte.

Sein Erfolgsweg endet in und wegen der Schicksalsstunde Preußens, der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806. Das Armeekorps, dessen Stabschef Massenbach war, wird vernichtend geschlagen. Den sicheren und sinnlosen Tod seiner verbliebenen Soldaten vor Augen, entschließt man sich zur Kapitulation von Prenzlau. Als sich herausstellt, dass nur 1.500 Franzosen vor Prenzlau waren (anstatt gedachten 90.000) und deshalb 10.000 Preußen in voller Bewaffnung auf freiem Feld kapitulierten, wird Massenbach (weil er dem General Hohenlohe die große Anzahl französischer Soldaten nach einer kurzen Erkundung bestätigt hatte) für diese schmachvolle Kapitulation weltgeschichtlicher Bedeutung verantwortlich gemacht. Der süddeutsche „Wahlpreuße“ wird aus der Armee entfernt und zieht sich auf sein Familiengut Bialokosz bei Posen zurück.

Schriftstellerisch sucht er nun die Auseinandersetzung mit seinen Kritikern und Verleumdern indem er über die Zuständen im preußischen Staat nach dem Tode Friedrichs des Großen schreibt. Der vierte Band seiner vielbeachteten Memoiren, in dem er die Ereignisse von 1806 kritisch hinterfragt, werden vom preußischen König eingezogen und vernichtet.
Seine letzten zehn Lebensjahre sind schließlich die härtesten. Wegen politischer Aktivitäten für eine nationale Verfassung in Frankfurt am Main wird er 1817 verhaftet und auf die Festung Küstrin überstellt. 1819 erfolgte die Verurteilung wegen Hochverrats zu 14 Jahren Festungshaft. Nach Begnadigung im Jahr 1826 lebt er noch bis zum 27. November 1827 als er in Bialokosz stirbt. Auf dem Waldfriedhof seines dortigen Gutes ist sein Grab bis heute (wenn auch verwildert und vergessen) zu finden.

Wegen seiner kritischen Schriften wurde dem durchaus verdienten Militärmann von der preußisch dominierten Geschichtsschreibung des 19. Jahrhundert keine Beachtung geschenkt. Auch Historiker späterer Jahrzehnte fanden an ihm nur wenig Interesse. Erst der Schriftsteller Arno Schmidt (1914-1979) machte ihn wieder zu einer aktuellen Figur. Genervt von der oft unkritischen Behandlung der großen deutschen Klassiker widmete sich der eigensinnige Schmidt Randfiguren der Goethezeit. Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges schrieb er 1948 das Lesedrama „Massenbach. Historische Revue“. Darin würdigt er vor allem Massenbachs Plan, Preußen solle sich mit Napoleon aussöhnen, als eine verpasste historische Chance, bereits damals Europa zu versöhnen und das Elend kommender Generationen zu verhindern. Arno Schmidt fällte einen nachträglichen Richtspruch über diesen unangepassten und deshalb gescheiterten Utopisten, einen vergessenen Sohn der Stadt Schmalkalden: „Die gewaltigste Erscheinung aber, und eine der gewaltigsten des Jahrhunderts überhaupt, ist der sehr große Christian von Massenbach.“

ROBERT EBERHARDT




Das Cicerone-Projekt der Klassik Stiftung Weimar