DAS CICERONE-PROJEKT DER KLASSIK STIFTUNG WEIMAR
Gelebter Brückenschlag zwischen gestern und heute


Klassik Stiftung Weimar bildet Ciceroni aus / Bislang international einmaliges Pilotprojekt

Ein äußerst interessantes Mixtum compositum wurde diesen Sommer im Kulturlabor Weimar gemischt. Die Rezeptur: Man nehme den Präsidenten von Deutschlands zweitgrößter Kulturstiftung mit einer Idee, das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 350.000 Euro, 18 geisteswissenschaftlich interessierte Schüler und einige weitere Substanzen und Gewürze, wie etwa Nietzsches „Zweite unzeitgemäße Betrachtung“, ein Unesco-Weltkulturerbe sowie drei traumhafte Sommerwochen. Das Ergebnis: Der Cicerone-Sommerkurs der Klassik Stiftung Weimar.

Es ist ein heißer Julitag. Unter dem schattigen Dach einer alten Linde sitzen 18 junge Menschen. In den Händen halten sie ein gelbes Reclamheft. Mediterrane Luft könnte einen glauben lassen, es sei die Campagna, wo Goethe 1786 von Tischbein gezeichnet wurde. Doch der Ort, das Reagenzglas dieses Versuchs, ist das barocke Wielandgut in Oßmannstedt, zehn Kilometer von Weimar entfernt. Der Dichter Christoph Martin Wieland lebte in dieser Idylle von 1797 bis 1803, empfing zahlreiche Gäste, unter ihnen Goethe, Jean Paul, Kleist und Seume. Heute wie damals trifft ein Satz aus einem Brief Wielands von 1797 zu: „in Meinem Haus zu Oßmannstätt befinde ich mich ununterbrochen wohl und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Sukzeß…“. Das Gut wurde mit einer beachtlichen Spende des Hamburger Literaturwissenschaftlers und Millionenerben Jan Philipp Reemtsma in den vergangenen Jahren restauriert und zu einer Bildungsstätte der Klassik Stiftung umgebaut.

Das Ziel der knapp zwanzig Schüler unter der alten Linde ist Cicerone der Klassik Stiftung Weimar zu werden. Während ihre Mitschüler die Sommerferien in Freibädern verbringen, opfern sie freiwillig drei Wochen für Goethe, Schiller, Gropius und Nietzsche. Deshalb lesen sie in dem Reclamheft. Es ist Nietzsches „Zweite unzeitgemäße Betrachtung“ mit dem Titel „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Sie beginnen die Lektüre. Mit einem Zitat Goethes leitet Nietzsche in sein 1873 entstandenes Werk ein. Der Satz ist zugleich die imaginäre Überschrift des Projektes: „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.

„Cicerone“ – diesen Begriff möchte Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, zum Synonym für junge Menschen mit geisteswissenschaftlichem Interesse machen. Langfristiges Ziel ist, sie im museumspädagogischen Dienst einzubeziehen. Er weiß, dass in Museen oft aneinander vorbei geredet wird, besonders zwischen Alt und Jung. „Der berühmteste Cicerone“, so der Stiftungspräsident, „war einst ein Buch: Jacob Burckhardts Reiseführer durch Italien“. Nun soll seine Stiftung, die aufgrund ihres Wesens und Zwecks eher die Vergangenheit antiquarisch konserviert als in der Gegenwart zu wirken, gar Zukunft zu gestalten, das Zuhause talentierter Jugendlicher sein, neue Burckhardts hervorbringen. Fern des Moderdufts angefüllter Magazine und abgetretener Museumsböden soll das Vergangene verjüngt werden, ein lebendiges Erbe entstehen. Keine „unverdaulichen Wissenssteine“, kein bloßer „Bildungs-Gedanke“, sondern ein „Bildung-Entschluss“ charakterisiert die innovative Idee, um in Manier des Kurses mit den Worten Nietzsches zu sprechen.

Die Idee überzeugte das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Es fördert das dreistufige Projekt in der bis 2008 laufenden Pilotphase zu 50 Prozent mit 350.000 Euro. Die andere Hälfte kommt vom Land Thüringen und aus dem 30 Millionen schweren, die Aufgaben dieser betrachtend besser gesagt leichten Etat der Stiftung. Einem dreitägigen Einführungskurs folgt der dreiwöchige Sommerkurs, der dann von einem Studium Generale ergänzt wird. Die Teilnehmer erhalten jeweils Vollstipendien. Deshalb kommen nur die Besten weiter. Wolfgang Schlump vom Bundesministerium kann viele Motive nennen, weshalb das modellhafte Projekt von Berlin gefördert wird: „Damit unterstützen wir den Bildungsauftrag der Stiftung, betreiben gleichzeitig Begabtenförderung und erproben eine neue Form der kulturellen Bildung, die bei anderen europäischen, gar internationalen Institutionen, auf Interesse stoßen könnte“. In Weimar wird Neuland betreten. Nietzsche würde wohl von „Neu-Anpflanzen, Kühn-Versuchen, Frei-Begehren“ sprechen.

Alle Teilnehmer des ersten Sommerkurses haben ein Vollstipendium bekommen, müssen nicht einen einzigen Euro zahlen. Sie sind Schüler der zehnten, elften und zwölften Klasse, kommen zum Teil aus Weimar, aus anderen thüringischen Orten, aus Hessen, Sachsen, Niedersachsen und Berlin. Was sie verbindet, ist das Interesse an Literatur, Geschichte und Kultur. „Sich in der Schule drei Wochen mit interessanten Themen in Breite und Tiefe auseinanderzusetzen ist kaum möglich. Das Gegenteil dessen habe ich erstmals hier in Weimar erfahren“, sagt Daniel D. Eckstein, Schüler aus Berlin. Neben dem persönlichen Wissenszuwachs, sei das Projekt, so der Schüler, „im Dienste der Weitergabe des literarischen Erbes Deutschlands, an Schüler durch Schüler, sehr wichtig“. Manch einer der Jugendlichen bekommt in seinem Deutschunterricht halbherzig Fakten präsentiert, die zu lernen und reproduzieren sind. Sozusagen PISA-Studie als Selbsterfahrung.
Beim Cicerone-Projekt ist das anders. Die Klassik Stiftung möchte einen umfassenden Beitrag zur ästhetischen Bildung leisten. In Verpflichtung dessen, was in Weimar und Jena um 1800, zumal in den künstlerischen und wissenschaftlichen Werken von Wieland, Herder, Goethe und Schiller theoretisch und praktisch entfaltet wurde, will sie eine universelle humanistische Bildung vermitteln. In den Augen der 17-jährigen Anna-Elisabeth Neidhardt wird man diesem hohen Anspruch gerecht. „Begeistert hat mich die Intensität des gesamten Kurses, das Zusammenspiel von Inhalten, Teilnehmern und der Umgebung“, sagt die Schülerin aus Triptis in Ostthüringen. Es seien drei sehr lebensvolle Wochen gewesen, denn „alle Pädagogen haben sich wirklich aufgeopfert, sodass dieses Projekt vom ersten Tag an von allen mit wahrem Herzblut getragen wurde. Ansonsten wäre so etwas auch nicht möglich. Da stehen Leidenschaft, Überzeugung und ein Traum dahinter.“

Solch eine positive Atmosphäre, wie sie aus den Worten der Schülerin herausklingt, entsteht, weil die Kursteilnehmer mit dem Kursleiter Justus H. Ulbricht, Historiker und Germanist, in einer Arbeits- und Lebensgemeinschaft zusammenleben. Das Motto: Gemeinsam mit Kopf, Hand und Herz arbeiten. Deshalb wird jeder Tag mit einer Theaterpädagogin begonnen und die Möglichkeit geboten in der Mal- und Zeichenschule Weimar Gedachtes und Erlebtes auszudrücken. Das Atelier befindet sich in den Räumen, die Goethe während seiner ersten Jahre in Weimar im Winter bewohnte, wenn sein Gartenhaus nicht mehr zu heizen war. Weimar ist klein, Kultur als Konzentrat.

Solche antiquarischen Spuren entdecken die Ciceroni täglich. Mehr als die gewöhnlichen Touristen, von denen jedes Jahr rund drei Millionen kommen, leben sie während der 21 Tage mit Weimars Erbe. Die Methode: nicht aus Büchern lernen, sondern die Historie auf Schritt und Tritt einatmen. Luther, Cranach, Bach, Goethe, Schiller, Liszt, Gropius und viele mehr haben im „Ilm-Athen“ ihre Spuren hinterlassen. Mit jedem Atemzug nimmt man an diesem Ort europäische Geistes- und Kulturgeschichte auf. Hier verstehen und fühlen die Schüler Schillers Ballade „Die Götter Griechenlands“, Goethes „Römische Elegien“ oder Liszts Musik. Erst Recht, wenn man das Cafe per Zufall mit dessen Ururenkelin und Urenkelin Richard Wagners, Nike Wagner, derzeit Leiterin des Kunstfestes „Pèlerinage“, teilt. Geschichte zum Anfassen; als gelebter Stoffwechsel zwischen gestern und heute.

Zurück unter die schattige Linde. Die Lektürestunde ist für diesen Tag beendet. Das Programm wird fortgeführt. Seminare zur Klassik, Vor- und Nachklassik, praktische Arbeit in Tradition des Bauhauses, Exkursionen nach Buchenwald und Naumburg. Neben einem intensiven Wissens-Input steht gleichberechtigt die museumspädagogische Arbeit. Während praktischer Übungen lernen die Ciceroni, was eine gute Führung ausmacht, die weder langweilt, noch überlastet. Die Praxis lehrt sie, worauf Theorie nur vorbereiten kann. Etwa wenn sich ältere Herren barsch über fehlende Beschriftungen in Goethes Wohnhaus erregen oder die lautstarken Stimmen japanischer Besucher mit keinerlei Maßnahmen zu drosseln sind.

In vier Häusern werden die jungen Menschen ausgebildet: Goethes und Schillers Wohnhaus sowie dem Bauhaus- und Schlossmuseum. Jedes hat seine Besonderheiten, seinen eigenen Geruch. Das Goethe-Haus als Memorialstätte, welche die facettenreiche Nutzung innerhalb der 47 Jahre, in denen Goethe dort wohnte, wiederspiegelt. Als Refugium für zurückgezogenes Arbeiten, Künstlerwerkstatt, Forschungsstätte, Sammlungsmagazin, Kanzlei, Repräsentationsort und Wohnraum. Oder das Schloss, heute Ort der Kunstsammlung und einstige Schaltstelle des mit Denkern und Machern reich beschenkten Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach.

Jeder Cicerone wählt ein Haus, bereitet eine halbstündige Führung vor. Den inhaltlichen Schwerpunkt legt jeder individuell. Goethe als Reisender und Sammler, Schiller der häusliche Kosmopolit, die Zarentochter Maria Pawlowna oder die Lebensweise der Bauhäusler sind Themen. Im alltäglichen Touristenrummel erfolgt dann die Prüfungsführung. Fleur Zarzitzky, Schülerin aus Hessen, führt unter der Überschrift „Antike“ durch Goethes Wohnhaus. Die Jury ist sehr zufrieden mit ihrer Leistung. Sie ebenso:„Während des Kurses haben wir gelernt selbstbewusst vor einer Gruppe aufzutreten. Auch außerhalb von Museen kommt das einen zugute“.

Nicht nur im Schatten von Wielands Linde wird die „Zweite unzeitgemäße Betrachtung“ gelesen, sondern auch an anderen historischen Orten. Die Nietzsche-Lektüre ist ein Kontinuum durch die drei Wochen. Schließlich lebte der Philosoph die letzen drei Jahre bis zu seinem Tod im Jahre 1900 in Weimar, wenngleich als geistloser Körper, und sein Nachlass lagert gänzlich im hiesigen Goethe- und Schillerarchiv.
Eine Exkursion führt die Ciceroni in Nietzsches Jugendhaus nach Naumburg, anschließend in seine Schule nach Schulpforte. Dort, im Kreuzgang des ehemaligen Zisterzienserklosters, hält die Gruppe ihre tägliche Lektüre. Von 1858 bis 1864 war Nietzsche hier Schüler, entwickelte erste Ansätze späterer Theorien und schrieb mehrere autobiografische Abhandlungen. Knapp 150 Jahre später sitzen die Ciceroni in den historischen Gemäuern und lesen die Schriften des einstigen Schülers. Da verdunkelt sich der Himmel, ein gewaltiges Sommergewitter zieht auf, Starkregen, Blitz und Donner. Sie lesen: „Der Spruch der Vergangenheit ist immer eine Orakelspruch: nur als Baumeister der Zukunft, als Wissender der Gegenwart werdet ihr ihn verstehn". Ein paar Minuten später: „Es gelingt euch nicht mehr, das Erhabene festzuhalten, eure Taten sind plötzliche Schläge, keine rollenden Donner.“ Es scheint, der Himmel, wenn nicht sogar Nietzsche, kommuniziert und jemand sagt: „Ob sich Nietzsche freut?“. „Wer weiß?“, entgegnet jemand.

Solche Momente sind eindringlich. Das weiß Hellmut Seemann , dem es eine Herzensangelegenheiten ist, mit dem Nachwuchs dieses Werk über Wert und Unwert der Geschichte zu lesen. „Weil es das behandelt, was Weimar ist“, begründet er. Die Frage nach der Bedeutung im hier und heute bleibt, erst recht angesichts aller widersprüchlichen Rezeption in der Kultur- und politischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine keinesfalls theoretische Antwort darauf sind die 17 Ciceroni. Die ersten einer großen Familie, die nach der erfolgreichen Premiere in Weimar wohl auch in anderen Kulturinstitutionen Verwandte bekommen wird.

ROBERT EBERHARDT




Christian von Massenbach
Goethes Schmalkalder Ahnen