GOETHES SCHMALKALDER AHNEN


Schon Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich zahlreiche Historiker mit der Erforschung von Goethes Sippschaft. Der Großteil der heutigen Kenntnisse über seine Abstammung wurde aus Publikationen früherer Jahrzehnte übernommen. Oft versuchte man die Genialität des Mannes, Dichters, Staatsmannes, Zeichners, Wissenschaftlers, Theaterdirektors usw. aus der Ahnenreihe abzuleiten. Goethe blieb jedoch unergründlich, reicht die gesellschaftliche Stellung seiner Ahnen vom ärmlichsten Bauern bis zu Glanzbildern der Geschichte.

Dass Goethe auch in Schmalkalden verwurzelt ist, scheint auf den ersten Blick ein glücklicher Zufall, bei kühler Berechnung wandelt sich dies aber zu einer notwendigen Wahrscheinlichkeit. Hat jeder nur 4 Urgroßelternpaare, so doch in der 21. Folge schon 1.080.576 Vorfahren, wenn nicht immer wieder vielfache Ahnengleiche dazwischen springen.

Goethe ist zwar in Frankfurt am Main geboren, seine Ahnentafel zeigt aber deutlich, dass in erster Linie mitteldeutsche, in zweiter Linie südwestdeutsche Einflüsse vorherrschend waren.Überwiegend stammt der Dichterfürst von ganz gewöhnlichen Bauern ab. Die Urgroßmutter von Goethes Mutter stammte aus der Nähe von Gotha (aus Pferdingsleben). Ein Beitrag der Artener Zeitung aus dem Jahr 1940 führt Goethes Eigenschaften speziell auf diese einfachen Vorfahren zurück: „Ein Glück, dass er in seinem „Blute“ viele schollenhafte, derbe, urgesunde Bauern- und Bürgerkräfte als starke Erbmassen trug“.

Zu den bedeutenden Vorfahren zählt der Maler Lucas Cranach und der Landgraf zu Thüringen Ludwig IV, Ehemann der Heiligen Elisabeth von Thüringen. In weiter zurückreichender Stammfolge stehen die großen Karolinger (Karl der Großen) und Salier, Sachsenkönige, pommersche Herzöge, mecklenburger Fürsten und ferner die berühmten Herrschergeschlechter der Braunschweiger, Wittelsbacher, Wettiner, Hohhenzollern, Habsburgern und Hohenstaufen.

Aus der näheren Umgebung stammte die Urgroßmutter von Goethes Großmutter: Elisabeth Schröter. Sie erblickte 1618 in Meiningen das Licht der Welt. Ihr Vater Jakob war Hennebergischer Kanzler und vorher Jenaer Professor. Ein Verwandter der Schröters war in Wien Leibarzt des Kaisers Ferdinand und dessen Bruder wurde gemäß dem historischen Zufall Bürgermeister in Weimar. Die Mutter der oben genannten Elisabeth Schröder war Anastasia Zöllner, die erste Schmalkalderin in Goethes Ahnenreihe. Sie taucht in der siebten Generation auf und wurde am 1.Februar 1588 als „Stadula Zölner“, in der Schmalkalder Stadtkirche getauft.

Anastasia Zöllners Vater war der hessische Rentmeister in Schmalkalden, Henrich Zöllner. Ein Beitrag im Heimat-Kalender für den Kreis Herrschaft Schmalkalden für das Jahr 1933 berichtet über jenen Vorfahren: Geboren wurde dieser Goethe-Vorfahre in Gütersloh. 1579 wurde er zum Rentmeister in Schmalkalden bestellt. Am 24.Oktober 1582 verheiratete er sich zum zweiten Mal und zwar mit Margaretha, Tochter des hennebergischen Amtmanns in Schleusingen, Eberhard Wolff von Todenwarth. Nachdem das Augustinerkloster in Schmalkalden aufgehoben wurde, kaufte Zöllner den größten Teil des Geländes. Er ließ die baufälligen Klostergebäude abreißen und erbaute sich ein stattliches Haus, an dem er neben den Familienwappen das von Hessen-Kassel anbringen ließ. Heute ist es als Stengelsches Haus am Schmiedhof bekannt. In der Wand ist auch heute noch das Wappen dieses wichtigen Goethe-Vorfahre zu besichtigen. Henrich Zöllner war bei der Schmalkalder Bürgerschaft sehr beliebt. Nach den Mitteilungen der Schmalkalder Geschichtsschreiber soll er ein frommer, kluger, freundlicher, gegen Kirche und Schule guttätiger und gegen die Armen ein mildreicher Mann gewesen sein. Eine äußerst lobende Grabinschrift in Latein verfertigte Pfarrer Sebastian Herrnschwager. „Es starb ein durch Klugheit und Frömmigkeit bedeutender Mann, wir werden durch das Ereignis erschüttert. Er war seinem Amt durch Beredsamkeit eine Zierde, der Stadt durch seinen Wandel, dem Richteramt durch seine Klugheit, seinem Haus durch Rechtschaffenheit. Hier ruht seine Asche, seine Gebeine, aber seine Seele ist im Himmel“

Zöllner starb am 28. Dezember 1590 und wurde in der Stadtkirche beigesetzt. Seine zweite Frau Margaretha überlebte ihn fast um ein halbes Jahrhundert und starb 1639. Ihr Familienname „Wolff von Todenwarth“ zeigt ebenfalls die regionale Verwurzelung. Noch mehrere Generationen ist die Linie Todenwarth in Goethes Ahnenreihe zu verfolgen. Außerdem taucht noch der Name „von Roßdorf“ auf. Zum Beispiel Wolfram von Roßdorf, Burgmann zu Wasungen, der um 1393 geboren wurde und vor 1427 starb. Was den Dichterfürsten auch noch mit der Reformationsstadt Schmalkalden verbindet, ist, dass sämtliche Ahnen der „neuen“, also freieren Lehre angehörten.

Auch Goethe betätigte sich gelegentlich als Familienforscher. In Artern ging er beispielsweise auf Suche nach seinen Ahnen. Dass seine familiären Wurzeln auch in Schmalkalden zu finden sind, war ihm ebenso unbekannt, wie vielen heutigen Schmalkaldern bisher verschlossen blieb, dass ihre Ahnen teilweise auch die von Johann Wolfgang von Goethe sind.

ROBERT EBERHARDT




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