NEO RAUCHS FENSTER IM NAUMBURGER DOM
Szenen einer Ehe


Schmalkalden/Naumburg
– Viel wurde in diesem Jahr über Elisabeth von Thüringen gesprochen, geschrieben und ausgestellt. Zum Ausklang des Jubiläumsjahres gibt es für alle Schmalkalder Elisabethfans (und nicht nur für die) noch eine Überraschung: Die Verabschiedung der Heiligen von ihrem nach Jerusalem kreuzfahrenden Mann in Schmalkalden fand nun als Bildthema Eingang in die bedeutende zeitgenössische Kunst.

Kein Geringerer als der international erfolgreiche Leipziger Maler Neo Rauch hat die 1226 in Schmalkalden geschehene Szene ausgewählt und für ein Glasfenster im Naumburger Dom künstlerisch umgesetzt. Insgesamt schuf er unentgeltlich drei Fenster, die vergangene Woche der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Außer der Verabschiedung ist eine Kleiderspende und die Krankenfürsorge der Heiligen thematisiert. Wie seine Galerie „EIGEN + ART Leipzig/Berlin“ versichert, hätte der Künstler, von dem exzellente Werke mitunter mehr als eine Million Euro kosten, aus den vielen möglichen biografischen Elisabethmotiven die „Schmalkalder Szene“ selbst ausgewählt. Er beurteilt die Verabschiedung der beiden Eheleute als den zentralen Wendepunkt im Leben der Thüringer Heiligen und setzte dies auch in seiner eigenen, charakteristischen Bildsprache um.

Was sieht man in dem linken, westlichen Fenster der Naumburger Elisabethkapelle? Die Szene zeigt den Moment des Abschiedes, der nachweislich in Schmalkalden geschah und möglicherweise in den historischen Erdgeschossräumen des Hessenhofs. In Rauchs Bild sieht man einen durch ein Rundbogentor und einige nach unten führenden Stufen zu erreichenden Raum, in dem Landgraf Ludwig IV. die Hand seiner Gemahlin hält. Doch der Augenblick der Trennung ist alles andere als innige Umarmung und emotionale Ergriffenheit. Vielmehr lässt die aufkommende Ahnung von Ludwigs frühem Tod die Stimmung still, gedämpft und bereits von Trauer bestimmt erscheinen. Die Beiden schauen sich nicht an, Ludwig geht ohne zurückzublicken voran. Mit einem Stock ertastet er sich den Weg, denn angesichts der bevorstehenden Ereignisse ist er (versinnbildlicht) blind. Elisabeth führt ihre linke Hand zum Kopf, als ahne auch sie, dass ihr Mann in Süditalien an einer Seuche sterben wird und nur seine Knochen in das Familienkloster Reinhardsbrunn zurückkehren sollten. Als wisse sie um die anschließende Vertreibung von der Wartburg durch ihren Schwager und ihren nur wenig später eintretenden eigenen Tod in Marburg.

Der 1960 geborene Neo Rauch verarbeitete diese schicksalhafte Lebensstunde der Volksheiligen im monochromen Wechsel von lichten und rotschattigen Partien. Die Bildsprache des Glasfensters ist die typische der sogenannten „Neuen Leipziger Schule“, deren Ausdrucksform ein noch deutliches Erbe des sozialistischen Realismus ist. Währendessen westdeutsche Kunstakademien in den 70er und 80er Jahren nicht mehr handwerklich ausbildeten, spielte in der DDR die grundständige Ausbildung und damit das Gegenstandsmalen noch eine Rolle. Und genau dieses Können ist heute gefragt, sichert Malern wie Rauch ihren internationalen Ruhm und zeigt sich neben anderen Einflüssen in den Elisabethfenstern.

Das rundbogige Fenster ist aus mehreren in Blei gefassten Scheiben zusammengesetzt. Zwischen den Köpfen Elisabeths und Ludwigs scheint aus der darüberliegenden Scheibe ein roter Tropfen zu fließen. Dieses blutige Detail ist ein weiterer Hinweis auf Ludwigs baldiges Ende wie auf die allgemeine Dramatik von Elisabeths kurzem und doch reichem Leben.
Die beiden Figuren tragen eher heutige Kleidung: Elisabeth in Bluse und Rock von praktischer Ausrichtung, Ludwig in Uniformjacke und Schnürstiefeln, die seiner militärischen Mission entsprechen. Die Situation soll so aus den Bedingungen des 13. Jahrhunderts gelöst und zu einem überzeitlichen Geschehen gewandelt werden, zu einer Stunde des entgültigen Abschieds, die jeden Tag an jedem Ort jeden passieren kann. Das und vieles mehr hat der namenhafteste Künstler seiner Generation in das Fenster hineingemalt und gibt dem sachlichen Fakt des Abschiednehmens somit seine eigene, persönliche Deutung.

Wer das durch die erzählerischen Elisabethsinnbilder fallende Licht in seine eigenen Augen scheinen lassen möchte, kann den Glasfensterzyklus täglich besichtigen. Wenn die nicht immer zur Bedeutung Elisabeths passenden Events des Jahres 2007 lange vergessen sein werden, wird man nur unweit der berühmten Stifterfiguren Ekkehard und Uta von Naumburg den Schmalkalder Augenblick in einem der bedeutendsten Sakralbauten Mitteldeutschlands noch bestaunen können.

ROBERT EBERHARDT

Erschienen am 22.12.2007 in Südthüringer Zeitung




Goethes Schmalkalder Ahnen